Katharina Rainer-Trawöger erzählt im Interview, wie sie ihre Liebe zum Yoga in Indien entdeckt hat.
Katharina, du bist zertifizierte Yogalehrerin und hast einen Teil deiner Ausbildung in Indien absolviert. Wie bist du eigentlich zum Yoga gekommen und warum hast du dich in Indien ausbilden lassen?
Durch Zufall, mein älterer Bruder war lange in Indien, er nahm mir kleine Götterfiguren mit, das weckte mein Interesse für dieses wunderbare Land. Fast zeitgleich nahm mich eine Freundin mit ins Yoga zu Ursula Lyon ins Buddhistische Zentrum. Ich bemerkte, dass ich die Asanas leicht umsetzen konnte, hatte aber sehr mit den Pranayama-Übungen zu kämpfen, da ich damals noch rauchte und auch abends gern mal länger fortging. Ich entschloss mich, Ethnologie und Philosophie zu studieren und wählte als Schwerpunkt indische Kunst und Kultur. Nach einigen Jahren absolvierte ich im Rahmen einer meiner Auslandsaufenthalte mein Yoga Teacher-Zertifikat in einem Ashram in Vrindavan. Seitdem unterrichte ich Yoga und könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen.
Du hast dich für eine Ausbildung im Sivananda-Ashram in Vrindavan entschieden. Wie war dein Aufenthalt dort und wie hat dir die Ausbildung gefallen?
Der Aufenthalt war sehr intensiv, der Tag begann um 5 Uhr mit Karma-Yoga und Meditation, danach gab es die erste Yoga-Einheit, dann eine Essenspause, Nachmittags folgte Theorie-Unterricht und eine weitere Yoga-Einheit, danach eine Nachmittagsmahlzeit, Karma Yoga-Meditation und Chanten, der Tag endete meist so gegen 23:30. Das war eine sehr intensive Zeit für mich, in der ich mein Wissen über Yoga in Praxis und Theorie erweitern konnte. Bei unseren Yoga-Ausbildungen in Wien fiel mir schnell auf, dass wir dieses Tempo hier nicht umsetzen konnten. Unsere TeilnehmerInnen benötigten auch Ruhepausen und Zeiten, um ihren Alltag zu regeln, daher sind wir von der intensiven Ausbildung zu einer längeren, begleiteten Version übergegangen.
Woher kamen die anderen TeilnehmerInnen und wie sah euer Tagesablauf im Ashram aus?
Die TeilnehmerInnen kamen aus der ganzen Welt, ich teilte mein Bett mit einer Italienerin und in unserem Zimmer wohnten auch noch zwei Japanerinnen und eine Australierin, es gab aber auch viele Inder unter den Teilnehmenden.
Gibt es Unterschiede zwischen Yoga in Indien und Yoga in Österreich? Geht man in Indien anders damit um?
Yoga wird in Indien im Fernsehen ausgestrahlt, es gibt ganze Stadien, die mit Teilnehmenden gefüllt werden und richtige Wettbewerbe. Dennoch ist Yoga in Indien weniger kommerziell, es wird kein Wert gelegt auf teure, coole Yogamatten, oder auf das, was man trägt. Das empfand ich als sehr angenehm, ich mag diese Schickimicki-Seite an Yoga gar nicht, das hat nichts mit den Inhalten zu tun.
Was ist das Bedeutendste, was du von deinem Indien-Aufenthalt für dich mitgenommen hast?
Dass Yoga mehr bedeutet als nur die Ausführung der Asanas. Es ist ein Lebensstil, ein Lebensinhalt und ich bin mit meinem Wissen darüber nie am Ende.
Muss man unbedingt in Indien gewesen sein, um Profi-Yogini zu werden?
Nein, in Europa legen wir mehr Wert auf Technik und Methodik, auch wenn die Philosophie dabei vielleicht manchmal zu kurz kommt. Yoga ist bei uns ein richtiger Beruf, das heißt, es müssen bei einer Ausbildung auch die nötigen Business-Aspekte vermittelt werden.
Welche Möglichkeiten gibt es in Wien, um echtes Indien-Feeling zu erleben (mit oder ohne Yoga)?
Musik drückt für mich das indische Lebensgefühl am besten aus. Wann immer ihr die Möglichkeit habt, besucht Pujas oder Kirtan-Abende. Früher habe ich mit Freunden gerne indische Filmabende veranstaltet, wir haben uns Samosas gemacht oder nach Herzenslust mit den Fingern und Pitabrot indische Currys gegessen. Bollywoodfilme zeigen sehr gut, wovon die indische Seele träumt: Tanz, Musik, Lichter, Liebe und ein Rausch an Farben, natürlich darf auch das Drama nicht fehlen und: „am Ende ist alles wieder gut und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende“.
Gemeinsam mit deinem Mann Andreas betreibst du ein eigenes Yoga-Institut in Wien. Für wie wichtig hältst du die unternehmerischen Aspekte in der Yogalehrer-Ausbildung?
Als ich mit 28 Jahren gemeinsam mit Andreas den Freiraum gründete, hatte ich keine Ahnung davon, was da alles auf mich zu kommt. Einerseits war das gut so, vielleicht hätte ich diesen Schritt sonst niemals gewagt, andererseits hätte ich ohne die unternehmerischen Fähigkeiten von Andreas das dritte Geschäftsjahr nicht überstanden. Buchhaltung, Finanzamtszahlungen, Krankenkassen, all das wurde mir in meiner Yoga-Ausbildung nicht vermittelt. Ich konnte Zitate aus der Bhagavadgita auf Sanskrit zitieren, aber ich wusste nicht, wie ich meine Steuer abschicke und nebenbei auch noch die ganzen Unterrichtseinheiten leiten soll. Daher ist es uns besonders wichtig, diese Business-Aspekte im Rahmen der Yoga-Ausbildung zu vermitteln. Unsere AbsolventInnen sollen sich vorbereitet fühlen auf das, was da auf sie zukommt.
Worauf muss man sich einstellen, wenn man bei dir eine Yogalehrer-Ausbildung machen möchte? Welche Punkte sind dir besonders wichtig?
Empathie! Ich hatte schon Interessentinnen, die zwar in einigen Asanas sehr weit waren, denen jedoch das Einfühlungsvermögen und auch die Selbstreflexionsfähigkeit völlig fehlte. Yama und Niyama sind die ersten Punkte in Patanjalis 2.000 Jahre alten Yoga-Sutra. Die Reflexion darüber, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen und wie wir mit uns selbst umgehen, steht laut Patanjali vor der Praxis der Asanas. Gute Unterrichtende zeichnen sich meiner Meinung nach durch diese Fähigkeiten aus und nicht durch ihr Level in den Asanas. Auch als Unterrichtende haben wir niemals ausgelernt. Unsere SchülerInnen sind in Wahrheit unsere größten Lehrer.

Katharina ist als Kinder-Yogalehrerin, Schwangeren-Yogalehrerin, sowie als experienced Yoga Teacher zertifiziert und leitet Yoga-Ausbildungen in Österreich und der Schweiz.
Das Interview führte Simay Zwerger.

